Wenn einfache Dinge kompliziert sind
Die Probleme des VfB Stuttgart beim 2:4 in Hannover geben Rätsel auf
Hannover - Was beim VfB Stuttgart nach dem 2:4 bei Hannover 96 verstärkt trainiert wird, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Drei Gegentore nach Eckbällen in einem Spiel - eine Schmach, über die wohl derzeit die ganze Bundesliga schmunzelt. Statistiker vermeldeten flugs, dass es so etwas in dieser Saison noch nicht gab. Rätselhaft ist es auf alle Fälle. Denn eigentlich sollten die Stuttgarter Fußballer beim Verhalten nach gegnerischen Ecken ja keinen Nachholbedarf haben. Schließlich haben sie sich damit ausführlich in der Vorbereitungsphase beschäftigt, und laut Sportdirektor Fredi Bobic trainieren sie es auch jetzt noch ständig. Woran hakte es dann eigentlich?
Der kurzfristige Ausfall von Kapitän und Abwehrchef Serdar Tasci soll es nicht gewesen sein. „Das wäre mir zu einfach“, wies VfB-Trainer Bruno Labbadia derlei Theorien zurück. Zumal der VfB in Hannover ja nicht zum ersten Mal Schwierigkeiten bei Ecken offenbarte. Das Stuttgarter Konzept der Raumdeckung geht interessanterweise auf eine Initiative der Spieler zurück, wie Labbadia verriet. „Die Mannschaft hat sich in der Manndeckung nicht sicher gefühlt“, berichtete der Trainer. Also wurde während der Saison umgestellt. Zumindest in den vergangenen zwei Spielen hat es geklappt, „da haben wir nach Standardsituationen sehr gut verteidigt“, wie Bobic erklärte.
„Man muss halt zum Ball gehen“
Der Auftritt in Hannover machte nun deutlich, „dass wir es immer noch nicht geschafft haben, die Standards in den Griff zu bekommen“, wie Mittelfeldspieler Christian Gentner einräumte. „Wir sind nach wie vor nicht konsequent genug.“ Bobic drückte es so aus: „Man muss halt zum Ball gehen, wenn es einen Standard gibt.“ Klingt einfach, scheint aber doch irgendwie kompliziert zu sein.
Bobic wirkte nach dem 2:4 nicht mal sonderlich besorgt, was die Zukunft betrifft. Wie auch Labbadia („Wir haben viele Dinge sehr gut gemacht“) war er durchaus angetan von der spielerischen Leistung des VfB. Zwischen den Zeilen klang bei den Verantwortlichen große Zuversicht durch, dass schon bald wieder alles gut sein wird. „Wir hatten Chancen für vier, fünf Tore“, betonte Bobic. Das ist richtig - aber Hannover hatte Chancen für sieben, acht Tore. Darum wäre es auch ein Fehler, die Stuttgarter Niederlage nur auf die Standards zu reduzieren. Dass die Stuttgarter mehr können, bewiesen sie indes in der letzten Viertelstunde, als sie plötzlich noch zwei Tore aus dem Hut zauberten und ein drittes nur haarscharf verpassten. „Da hätte es noch eine kuriose Schlussphase geben können“, bedauerte Bobic, dass der Anschlusstreffer zum 3:4 nicht gelang. Labbadia sah sich in seiner Pausen-Rede bestätigt: „In der Halbzeit haben wir es angesprochen, dass wir hier definitiv noch zwei Tore machen können.“ Dass Hannover weitere zwei macht, war indes nicht eingeplant.
Kein Thema war übrigens die Europa League - zumindest offiziell. Weder Labbadia noch Bobic wollten zugeben, dass Platz sieben vor dem Spiel in den Gedanken eine Rolle gespielt hat. Im Falle eines Sieges in Hannover wäre der VfB bis auf zwei Punkte an Rang sieben herangerückt, der aufgrund der Konstellation im DFB-Pokal in dieser Saison wohl zum Einzug in die Europa League berechtigt. Denn wenn der Zweitligist SpVgg Greuther Fürth wie erwartet im Halbfinale des Pokals ausscheidet, sind nur noch Teams im Wettbewerb, die ihren Europacup-Platz wohl alle in der Liga holen, entsprechend bekommt die Liga einen Europa-League-Rang mehr. Für den VfB dürfte diese Chance nun futsch sein - Platz sieben ist nun acht Punkte weg.
Es sieht gegenwärtig alles danach aus, als würde die Saison für die Stuttgarter im grauen Mittelfeld ausklingen. „Wir sind noch nicht stabil und konstant, deswegen stehen wir in der Tabelle nicht höher“, zog Gentner ein ernüchterndes Fazit. Wenigstens droht wohl nicht wie vor einem Jahr der Abstiegskampf, denn die rote Zone ist weit weg und mindestens drei Teams dürfte der VfB in dieser Saison recht locker distanzieren können. Am kommenden Samstag können die Stuttgarter den Beweis antreten, dass sie kein Problem damit haben, zuhause das Schlusslicht SC Freiburg zu schlagen. Allerdings empfiehlt es sich, zuvor das Konzept der Raumdeckung vorsichtshalber doch noch mal verstärkt zu trainieren.



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